
Ein Jahrhundert Unternehmertum
11. März 2026
Zagreb, 14.03.2026
250 € vs. 500–1500 €
Nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin beträgt der durchschnittliche Bruttokostenverlust durch Krankmeldungen etwa 249 € pro Beschäftigtem und Tag (Deutschland, 2023). Diese Kosten umfassen Produktivitätsverluste, organisatorische Störungen und zusätzliche Belastungen für Arbeitgeber.
Es gibt jedoch ein weiteres Problem, das häufig größer und weniger sichtbar ist: Präsentismus.
Zur Arbeit zu kommen, obwohl man krank ist oder mit ernsthaften persönlichen Belastungen – etwa familiären Sorgen – zu kämpfen hat, kann größere finanzielle Auswirkungen haben als eine Krankmeldung selbst. Der Grund ist einfach: Die Person ist zwar anwesend, arbeitet jedoch langsamer, macht häufiger Fehler und trifft möglicherweise schlechtere Entscheidungen.
In einigen Analysen wird geschätzt, dass Produktivitätsverluste durch Präsentismus zwei- bis sechsmal höher sein können als die Kosten von Fehlzeiten, abhängig von Branche und Land.
Ein Begriff, den viele nicht kennen
Interessanterweise ist Präsentismus als Phänomen weit verbreitet, der Begriff selbst jedoch relativ wenig bekannt.
Google Trends zeigt, dass Burnout ein dominanter Begriff in der öffentlichen Diskussion ist, während Absenteeism (Fehlzeiten) und besonders Präsentismus weitgehend Fachbegriffe bleiben und deutlich seltener in allgemeinen Suchanfragen erscheinen.
Eine sehr grobe Einschätzung der relativen Sichtbarkeit:
Begriff – ungefähre relative Sichtbarkeit
Burnout – 100
Absenteeism ~10–20
Präsentismus ~1–3
Mit anderen Worten: Über Burnout wird in der Öffentlichkeit deutlich häufiger gesprochen als über Präsentismus, obwohl die organisatorischen Folgen ähnlich groß sein können.
Der Begriff Präsentismus wurde bereits 1955 eingeführt, blieb jedoch lange Zeit hauptsächlich auf Fachliteratur beschränkt.
Das Phänomen selbst ist jedoch weit verbreitet. In einigen Studien geben etwa 53 % der Beschäftigten an, mehrmals krank zur Arbeit gekommen zu sein.
Fünf Formen von Präsentismus
Präsentismus ist kein einheitliches Verhalten. In der Praxis tritt er in verschiedenen Formen auf.
1. Gesundheitsbezogener Präsentismus
Zur Arbeit kommen trotz Krankheit oder körperlicher Gesundheitsprobleme.
Typische Beispiele:
- Arbeiten mit Grippe oder Infektion
- Arbeiten mit chronischen Schmerzen
- Arbeiten unter Medikamenteneinfluss
2. Psychischer Präsentismus
Zur Arbeit kommen trotz psychischer Erschöpfung oder mentaler Belastung.
Beispiele:
- Burnout
- Depression
- starker Stress oder emotionale Erschöpfung
3. Normativer Präsentismus
Zur Arbeit kommen aufgrund von Organisationskultur oder Erwartungen im Umfeld.
Beispiele:
- „Gute Mitarbeitende melden sich nicht krank“
- Druck durch Kolleginnen, Kollegen oder Vorgesetzte
- der Wunsch, Loyalität zu zeigen
4. Struktureller Präsentismus
Zur Arbeit kommen, weil organisatorische Strukturen eine Abwesenheit kaum ermöglichen.
Beispiele:
- keine Vertretung vorhanden
- sehr kleine Teams
- Projekte mit engen Fristen
5. Sicherheitsbezogener Präsentismus
Zur Arbeit kommen aus Angst vor negativen Konsequenzen.
Beispiele:
- Angst vor Arbeitsplatzverlust
- Angst vor schlechter Leistungsbeurteilung
- unsichere Arbeitsverträge
Unterschiede zwischen Branchen
Studien zeigen, dass Präsentismus je nach Branche unterschiedlich stark ausgeprägt ist.
1. Gesundheitswesen – höchste Präsentismus-Raten
Studien zeigen, dass das Gesundheitswesen zu den am stärksten betroffenen Bereichen gehört.
- bei Pflegekräften zeigen Studien 32 % bis 94 % Beschäftigte, die trotz Krankheit arbeiten
- in manchen Untersuchungen kommen rund 40 % der Gesundheitsfachkräfte auch krank zur Arbeit
Typische Gründe:
- moralische Verantwortung gegenüber Patientinnen und Patienten
- Personalmangel
- starke berufliche Verpflichtung
- Schwierigkeiten, Schichten kurzfristig zu ersetzen
2. Öffentliche Verwaltung
Auch im öffentlichen Sektor tritt Präsentismus relativ häufig auf, jedoch aus teilweise anderen Gründen.
Typische Muster:
- Organisationskulturen mit starkem Verantwortungsbewusstsein
- langfristige Verwaltungsprozesse und Verpflichtungen
- hoher Anteil an psychischer Belastung
Häufige Ursachen:
- Verantwortung gegenüber dem öffentlichen Dienst
- administrativer Druck
- langsamere Ersatz- und Einstellungsprozesse
3. IT-Sektor
Im IT-Bereich tritt häufig eine besondere Form auf: digitaler Präsentismus.
Typische Formen:
- Arbeiten trotz Krankheit, weil Remote-Arbeit möglich ist
- Arbeiten abends oder am Wochenende
- ständige Online-Verfügbarkeit
In dieser Branche gibt es weniger physischen Präsentismus, dafür mehr:
- psychischen Präsentismus
- Arbeiten während Krankheit oder Erschöpfung
4. Produktion und Industrie
In der Industrie zeigt sich ein anderes Muster.
Typische Merkmale:
- körperlich anspruchsvolle Arbeit
- geringere Möglichkeiten für Homeoffice
- strenge Produktionsfristen
Daraus entstehen häufig Situationen wie:
- Arbeiten trotz Schmerzen oder Verletzungen
- Arbeiten unter Medikamenteneinfluss
- zur Arbeit kommen aus Angst, Schichten oder Einkommen zu verlieren
Fazit
Krankmeldungen sind ein sichtbarer Kostenfaktor.
Präsentismus ist ein versteckter Kostenfaktor.
Während Organisationen Fehlzeiten relativ leicht messen können, ist der Produktivitätsverlust von Beschäftigten, die trotz Krankheit oder Erschöpfung arbeiten, deutlich schwerer zu erkennen und zu quantifizieren.
Gerade deshalb bleibt Präsentismus oft unsichtbar – obwohl seine Auswirkungen auf Organisationen größer sein können als die Kosten von Krankmeldungen selbst.
Marijan Gjukić

