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Beginn – Muster – Bedrohung – Handeln – Beispiel – Überlastung / COVID-19 – Paralleler Berufsweg – Europäische Ebene – Aktueller Stand – Nächster Schritt – Schlussgedanke
Die folgenden Kapitel zeichnen die Entwicklung von Beobachtungen und Reaktionen nach, die sich schrittweise von individueller Erfahrung auf die institutionelle Ebene verlagerten.
WO ALLES BEGANN
Seit einem Vierteljahrhundert lebe und arbeite ich in Österreich. In dieser Zeit waren mir die Kontakte zu Menschen aus meiner Heimatregion besonders wichtig – und ich bin immer wieder mit demselben Ereignis konfrontiert gewesen: dem Auftreten von Krankheit.
Besonders sensibel waren Situationen, in denen ein Gesundheitsproblem in der Heimat innerhalb der Familie auftrat. In solchen plötzlich eintretenden Fällen – mitten im Berufsalltag – wussten die Betroffenen oft nicht, an wen sie sich wenden sollen und was als Nächstes zu tun ist. Die Orientierung zwischen unterschiedlichen Gesundheits- und Versicherungssystemen verlangsamte die notwendigen Schritte.
Gleichzeitig waren Angehörige, Ärztinnen und Ärzte in verschiedenen Ländern, Arbeitgeber und Institutionen beteiligt – jedoch ohne klare Koordination. Statt einer Lösung entstanden Verzögerungen, Fehlentscheidungen sowie zusätzliche Belastungen und Kosten.
Mit der Zeit wurde deutlich, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, sondern um ein Muster, das sich bei unterschiedlichen Menschen und in unterschiedlichen Situationen wiederholt.
WAS SICH WIEDERHOLTE – DAS MUSTER
Informationen waren häufig unvollständig, widersprüchlich oder kamen zu spät. Anstelle eines klaren Vorgehens entstanden parallele Versuche, dasselbe Problem zu lösen.
Die Folgen waren unnötige Untersuchungen, wiederholte Reisen und komplexe administrative Verfahren. Zeit ging verloren, Kosten stiegen, Kraft und Nerven wurden strapaziert – während das eigentliche Problem, Krankheit oder Alter, in den Hintergrund rückte.
All dies geschah, während die Betroffenen gleichzeitig versuchten, ihren beruflichen Alltag und familiäre Verpflichtungen aufrechtzuerhalten. Eine regelmäßige Folge war eine zunehmende Belastung.
Dieses Muster zeigte sich unabhängig von Alter, Beruf oder dem konkreten gesundheitlichen Problem.
Dieses Muster zeigte sich unabhängig von Alter, Beruf oder dem konkreten gesundheitlichen Problem.
WAS IST DIE EIGENTLICHE BEDROHUNG
Diese einzelnen Situationen stehen nicht für sich.
Sie spiegeln langfristige Entwicklungen wider, die die Arbeitswelt und die Gesundheitssysteme prägen: Arbeitskräftemangel, steigende Krankenstände und ein zunehmend ausgeprägter Präsentismus.
Die daraus entstehenden Verluste betreffen nicht nur Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und ihre Familien, sondern auch Arbeitgeber, Versicherungen und letztlich die gesamte Gesellschaft. Besonders deutlich zeigen sie sich im Bereich der psychischen Gesundheit, wo die Belastungen seit Jahren kontinuierlich zunehmen.
WAS ICH KONKRET GETAN HABE
Anfragen und Bitten erhielt ich nicht aufgrund einer formalen ärztlichen Position, sondern wegen meiner Kenntnisse unterschiedlicher Gesundheitssysteme in mehreren Ländern.
Meine Rolle war dabei sehr konkret. Ich erklärte, welche Optionen realistisch sind und an wen es überhaupt sinnvoll ist, sich zu wenden. In vielen Fällen reichte es aus, Rechte, administrative Schritte oder Bezeichnungen von Therapien zu klären, um Fehlentscheidungen zu vermeiden.
Diese Unterstützung verhinderte häufig unnötige Reisen, zusätzliche Untersuchungen und mehrfach durchlaufene Verwaltungsprozesse. Die Betroffenen gewannen einen klareren Überblick über ihre Situation und konnten eigenständig Entscheidungen treffen – ohne eskalierende Spannungen innerhalb der Familie oder am Arbeitsplatz.
Zu Beginn handelte es sich um einzelne Fälle, die informell und ohne feste Struktur bearbeitet wurden. Mit der Zeit nahm jedoch die Zahl solcher Anfragen kontinuierlich zu.
EIN KONKRETES BEISPIEL
Ein Beispiel, das den unnötigen Aufwand an Zeit, Geld und Energie besonders deutlich macht, betrifft einen Kroaten, der nach seinem Ruhestand aus Deutschland nach Kroatien zurückgekehrt war, um in Slawonien zu leben.
Monat für Monat reiste er nach Deutschland, um seine Medikamente abzuholen, in der Annahme, dies sei der einzige Weg, die benötigte Therapie zu erhalten.
Niemand hatte ihm erklärt, dass die erforderlichen Medikamente auch in Kroatien verfügbar waren – unter einer anderen Bezeichnung.
Das Problem lag nicht in der medizinischen Behandlung selbst, sondern im Mangel an grundlegender Orientierung. Es genügte, die bestehenden Ansprüche und die Verfügbarkeit der Therapie zu klären, um das Muster der monatlichen Reisen und der damit verbundenen Belastungen zu durchbrechen.
Dieser Fall ist keine Ausnahme, sondern eine Illustration von Problemen, denen ich in der Praxis regelmäßig begegne.
DER PUNKT DER ÜBERLASTUNG – COVID-19 ALS KATALYSATOR
Während der COVID-19-Pandemie nahm das Ausmaß solcher Situationen sprunghaft zu. Anfragen wurden häufiger, komplexer und zeitlich anspruchsvoller. Was ich zuvor sporadisch bearbeitet hatte, trat nun parallel und unvorhersehbar auf.
Gleichzeitig war ich auch persönlich mit der Erkrankung meines alten Vaters in der terminalen Phase konfrontiert – mit zahlreichen Fragen und Belastungen innerhalb der Familie, aber auch mit konkreter, uneigennütziger Unterstützung durch Kolleginnen und Kollegen in der Heimat.
Zur gleichen Zeit wurden Grenzen geschlossen, Regeln änderten sich, und die Verfügbarkeit von Gesundheitsleistungen wurde unberechenbar. Informationen ließen sich nicht an einem Ort finden und wurden zwischen den Systemen nicht klar kommuniziert.
Die informelle Form der Unterstützung reichte nicht mehr aus. Der Zeitaufwand für Orientierung, Erklärung und Koordination wurde zu groß, und die Verantwortung, die solche Situationen mit sich brachten, wog zunehmend schwerer.
In dieser Phase wurde deutlich, dass es sich um ein strukturelles Problem handelt, das nicht ad hoc, einzeln und ohne klaren Rahmen gelöst werden kann.
DIE PARALLELE PROFESSIONELLE LINIE
Parallel zu den beschriebenen Situationen beschäftige ich mich seit dem Jahr 2016 professionell mit dem Einfluss von Gesundheit auf die Arbeitswelt, mit der Zufriedenheit von Beschäftigten sowie mit den Auswirkungen von Krankheit auf Produktivität und Fehlzeiten.
In diesem Rahmen habe ich eine Studie in mehreren Ländern durchgeführt, die ein erhebliches Potenzial für Verbesserungen und Einsparungen aufgezeigt hat – insbesondere durch ein besseres Verständnis der Beziehungen zwischen Beschäftigten, Arbeitgebern und beteiligten Institutionen.
Darüber hinaus habe ich drei internationale Konferenzen mit Fachleuten aus unterschiedlichen Disziplinen organisiert. Die Resonanz bestätigte die Relevanz und Aktualität der behandelten Themen.
Im Verlauf dieser Arbeit entwickelte sich ein Netzwerk von Kontakten und ein intensiver Austausch von Erfahrungen. Die Diskussionen öffneten schrittweise Fragestellungen, die über einzelne Fachrichtungen und nationale Grenzen hinausgingen.
DIE EUROPÄISCHE EBENE UND INSTITUTIONELLE ANERKENNUNG
Die Arbeit an diesen Themen erhielt schrittweise auch einen breiteren, europäischen Kontext. Die entwickelten Programme und Initiativen wurden auf relevanten fachlichen Veranstaltungen vorgestellt.
Die Fachgemeinschaft erkannte die Übereinstimmung zwischen meinen operativen und strategischen Ansätzen und den aktuellen Diskussionen zur Weiterentwicklung und Reform der ländlichen Medizin. Auf dieser Grundlage wurde ich zur Teilnahme an einer Plenardiskussion auf einer Konferenz der Europäischen Vereinigung für ländliche Medizin eingeladen.
Gleichzeitig eröffnete meine Mitwirkung am Europäischen Forum für Primärversorgung sowie an einer Konferenz der deutschen Arbeitsmedizin neue Partnerschaften und Formen der Zusammenarbeit. Diese Erfahrungen bestätigten zusätzlich, dass die beschriebenen Probleme nicht isoliert betrachtet werden können, sondern einen sektorübergreifenden und internationalen Ansatz erfordern.
DER AKTUELLE STAND
Auf Grundlage der bisherigen Arbeit haben wir Wissen, Erfahrungen und zahlreiche Kontakte in klare, praktikable Formate überführt.
Heute verfügen wir über eine Kommunikationsinfrastruktur, die durch Programme und Initiativen ausgestaltet ist und sich an Arbeitgeber, Gesundheitsfachkräfte sowie politische Entscheidungsträger richtet.
Ziel ist es, eine bessere Orientierung in komplexen Situationen zu ermöglichen, die durch Krankheit in der Familie und im beruflichen Umfeld entstehen.
Die Arbeit erfolgt über konkrete Projekte und Pilotaktivitäten, verbunden mit einer kontinuierlichen Prüfung der praktischen Umsetzbarkeit. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf Kommunikationsprozessen, transdisziplinärer Koordination zwischen den beteiligten Akteuren und dem Verständnis realer Bedürfnisse vor Ort.
Dieser Ansatz ist so angelegt, dass er offen bleibt für Anpassungen, Lernen und Weiterentwicklung – im Einklang mit sich verändernden Rahmenbedingungen und Anforderungen.
NÄCHSTER SCHRITT: EVIDENZ
Mit einer wissenschaftlichen Studie wollen wir überprüfen, ob die auf bisherigen Erfahrungen und Daten basierenden Prognosen realisierbar sind – insbesondere Einsparungen von bis zu 50 % bei krankheitsbedingten Fehlzeiten aus familiären Gründen.
Über drei Initiativen – ausgerichtet auf Arbeitgeber, Gesundheitsfachkräfte und politische Entscheidungsträger – soll die Studie gesteuert und begleitet werden.
Ein zentrales Element ist die aktive Einbindung von Hausärztinnen und Hausärzten im ländlichen Raum als Partner und Teilnehmende. Gemeinsam mit ihnen entwickeln und erproben wir neue Kommunikations- und Organisationsmodelle der Versorgung für ihre Patientinnen und Patienten und messen die erzielten Ergebnisse systematisch.
ABSCHLIEßENDE GEDANKEN
- Wenn Informationen rechtzeitig verfügbar sind, Verantwortlichkeiten klar definiert und Kommunikationsprozesse abgestimmt, lassen sich unnötige Verluste reduzieren.
- Zeit, finanzielle Mittel und Energie werden freigesetzt und effizienter genutzt – von Familien, Arbeitgebern, Gesundheitsfachkräften und politischen Entscheidungsträgern.
- Die zentrale Frage ist dabei nicht die Verfügbarkeit von Ressourcen, sondern die Koordination der Kommunikation bei ihrer Nutzung.
Marijan Gjukić

